Ein Beitrag von Daniel Diekmann.
Wer über Künstliche Intelligenz (KI) und Open Educational Resources (OER) spricht, denkt häufig zuerst an textgenerative KI oder die automatisierte Erstellung von Lehrmaterialien. Tatsächlich konzentrieren sich viele aktuelle Diskussionen auf Fragen der Materialproduktion, Übersetzung oder Anpassung offener Bildungsressourcen. Ein Blick in die aktuelle wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Literatur zeigt jedoch ein deutlich breiteres Bild. KI eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten für die Erstellung, Anpassung und Weiterentwicklung offener Bildungsmaterialien, sondern verändert zunehmend auch Bildungspraktiken, Communities und das Verständnis von Offenheit selbst. Der Diskurs reicht inzwischen von der KI-gestützten Qualitätssicherung und Personalisierung über neue Formen kollaborativer Wissensproduktion bis hin zu Fragen der digitalen Souveränität und offener Bildungsinfrastrukturen.
Mehr als intelligente Materialerstellung
Die Möglichkeiten der KI-gestützten Erstellung und Weiterentwicklung von OER gehören zu den sichtbarsten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Lehrmaterialien lassen sich schneller erstellen, sprachlich anpassen oder in unterschiedliche Formate überführen. KI kann offene Ressourcen verschlagworten, übersetzen, barriereärmer gestalten oder individuelle Lernpfade unterstützen. Diese Potenziale prägen derzeit viele Diskussionen rund um OER und KI. Wer jedoch einen Blick in aktuelle Veröffentlichungen aus Forschung und Praxis wirft, erkennt schnell: Die Materialerstellung ist nur ein Teil der Entwicklung. In verschiedenen Diskursfeldern werden Fragen nach Qualität, Transparenz, Urheberrecht, Nachhaltigkeit und digitaler Souveränität gestellt. Die Debatte hat sich damit deutlich verbreitert.

Diskursfelder aus aktuellen Veröffentlichungen zum Zusammenhang von OER und KI.
Von offenen Materialien zu einer neuen Kultur offener Bildung
Besonders auffällig ist eine Entwicklung, die sich durch zahlreiche aktuelle Veröffentlichungen zieht: Der Fokus verschiebt sich von offenen Bildungsressourcen hin zu offenen Bildungspraktiken (Open Educational Practices, OEP). Im Mittelpunkt steht nicht mehr allein die Frage, welche Materialien offen zur Verfügung stehen, sondern wie mit ihnen gelernt, gelehrt und Wissen gemeinsam entwickelt wird. Dadurch verändern sich auch die Rollen der Beteiligten. Lehrende werden stärker zu Moderator:innen, Lernbegleiter:innen und Kurator:innen. Lernende übernehmen zunehmend eine aktive Rolle und beteiligen sich selbst an der Produktion offenen Wissens. KI kann die Prozesse einer gemeinschaftlichen Entwicklung offener Bildungsressourcen unterstützen – etwa bei Recherche, Strukturierung oder Formulierung –, ersetzt jedoch nicht die kollaborative Wissensproduktion. Gerade diese Verbindung von KI und gemeinschaftlichem Lernen eröffnet neue Perspektiven für Offene Bildung.
Konkret zeigt sich dieser Wandel auf mehreren Ebenen. Offene Bildungspraktiken erweitern den Blick von der Bereitstellung einzelner Materialien hin zu ihrer aktiven Nutzung, Anpassung und gemeinsamen Weiterentwicklung. Offenheit wird damit zunehmend über Zusammenarbeit, Partizipation und den gemeinsamen Aufbau von Wissen definiert. Gleichzeitig eröffnet KI neue Formen der Wissensproduktion. Lehrende und Lernende können Inhalte gemeinsam mit KI entwickeln, bestehende OER an unterschiedliche Zielgruppen anpassen, Übersetzungen erstellen oder Materialien für verschiedene Lernniveaus und Kontexte weiterentwickeln. KI übernimmt dabei nicht die Rolle einer Autorin oder eines Autors, sondern fungiert als Werkzeug oder Co-Creator, der kreative und kollaborative Prozesse unterstützt. Dadurch verändern sich auch die Rollen in offenen Bildungsprozessen. Lernende werden stärker zu aktiven Mitgestalter:innen offenen Wissens – etwa indem sie OER gemeinsam erstellen und weiterentwickeln. Lehrende begleiten diese Prozesse, moderieren Zusammenarbeit und unterstützen einen reflektierten Einsatz von KI.
Offenheit neu denken
Mit der Verbreitung generativer KI verändert sich auch das Verständnis von Offenheit. Während sich die OER-Bewegung lange auf offene Lizenzen und frei verfügbare Materialien konzentrierte, rücken heute zunehmend die Technologien selbst in den Blick. Wie offen sind KI-Modelle? Welche Trainingsdaten werden genutzt? Wer kontrolliert die zugrunde liegenden Infrastrukturen? Und welche Rolle spielen digitale Gemeingüter für die Bildung der Zukunft? Damit entwickelt sich die Diskussion von einer Frage nach offenen Ressourcen hin zu einer Frage nach offenen Bildungsökosystemen.
Die aktuelle Literatur macht deutlich, wie dynamisch sich das Themenfeld entwickelt. Neben einer wachsenden Zahl an wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Veröffentlichungen entstehen fortlaufend neue Praxisprojekte, Leitfäden, Werkzeuge, Veranstaltungen und technische Entwicklungen. Dadurch wird das Zusammenspiel von OER, OEP und KI zwar immer vielfältiger, gleichzeitig aber auch zunehmend unübersichtlich. Orientierung wird damit selbst zu einer wichtigen Aufgabe. Sie hilft dabei, Potenziale und Herausforderungen einzuordnen, Entwicklungen kritisch zu reflektieren und unterschiedliche Perspektiven aus Forschung und Praxis zusammenzuführen.
Als Reaktion auf diese Dynamik hat ORCA.nrw die Themenwelt „OER & KI“ entwickelt. Sie bietet einen strukturierten Überblick über zentrale Praxis- und Diskussionsfelder an der Schnittstelle von OER, OEP und KI. Einer der Schwerpunkte liegt auf einer kuratierten Zusammenstellung aktueller wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema. Darüber hinaus werden anhand zentraler Themenbereiche Praxisbeispiele, weiterführende Materialien sowie Hinweise auf Werkzeuge und Ressourcen zusammengestellt. Die Themenwelt versteht sich als offenes und sich kontinuierlich weiterentwickelndes Angebot, das Orientierung im wachsenden OER-&-KI-Diskurs bietet und den Einstieg in das Themenfeld erleichtert.
„Die Diskussion um KI und OER ist längst mehr als eine Diskussion über Materialien.“
Fazit
Die aktuelle Literatur macht deutlich: Die Diskussion um KI und OER ist längst mehr als eine Diskussion über Materialien. Sie berührt Fragen der Zusammenarbeit, der Rollen von Lehrenden und Lernenden, der Offenheit von Technologien sowie der Gestaltung zukünftiger Bildungsökosysteme.
Wer heute über KI und OER spricht, spricht deshalb zunehmend über die Zukunft offener Bildung insgesamt – und darüber, wie Offenheit im Zeitalter generativer KI neu gestaltet werden kann.
Über den Verfasser
Daniel Diekmann ist Mitarbeiter in der Geschäftsstelle des Landesportals ORCA.nrw und in den Bereichen Community, Vernetzung und Veranstaltungen tätig.
