Ein Beitrag von Alexander Klein.

Wir leben in einer Zeit, in der Lehrende so viele Bildungsressourcen nutzen könnten wie nie zuvor – und trotzdem bleibt viel Potenzial ungenutzt. Genau hier liegt das Paradox der digitalen Lehre: OER sind vorhanden, aber echte Open Educational Practices, also offene Lehr- und Lernprozesse, sind noch zu selten fest verankert.

In Baden-Württemberg gibt es dafür eigentlich gute Voraussetzungen. Mit etablierten Hochschulstrukturen, Support-Einrichtungen und dem Zentralen OER-Repositorium Baden-Württemberg existieren bereits wichtige Bausteine für offene Bildung. Doch oft entstehen weiterhin isolierte Insellösungen: Lehrende entwickeln Szenarien für sich allein, Materialien werden zwar geteilt, aber nicht konsequent gemeinsam weitergedacht. So bleibt Wissen verfügbar, aber nicht wirklich offen nutzbar.

Genau an diesem Punkt kommt KI ins Spiel. Sie verspricht schnelle Content-Erstellung, personalisierte Lernpfade und Unterstützung bei der Planung. Gleichzeitig birgt sie aber auch Risiken: Viele KI-Systeme sind geschlossen, ihre Prozesse bleiben intransparent, und die erzeugten Ergebnisse lassen sich nur begrenzt nachvollziehen oder weiterverwenden. Das kann die Idee der Openness eher schwächen als stärken.

Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, ob KI die Hochschullehre verändert, sondern wie sie Offenheit fördern kann. Open Educational Practices bedeuten mehr als offene Materialien. Sie stehen für transparente Entwicklungsprozesse, kollaborative Szenarienarbeit, adaptive Remix-Kultur und gemeinsame Qualitätssicherung. KI kann hier zum Katalysator werden: Sie kann OER sinnvoll kuratieren, passende Kooperationspartner sichtbar machen und Lehrende bei der Reflexion ihrer Praxis unterstützen.

Für Hochschulen in Baden-Württemberg ergibt sich daraus eine klare Agenda. Erstens braucht es ein gemeinsames Verständnis von Openness im KI-Zeitalter. Zweitens sollten landesweite Plattformen entstehen, die OEP systematisch unterstützen. Drittens braucht es KI-Werkzeuge, die transparent, ethisch und möglichst offen gestaltet sind. Das Ziel ist nicht, menschliche Expertise zu ersetzen, sondern sie zu verstärken.

Die eigentliche Herausforderung lautet daher: Wie schützen wir uns nicht vor KI, sondern nutzen sie, um das Versprechen offener Bildung endlich einzulösen? OEP und KI zusammen könnten genau die nächste Generation der Hochschullehre prägen — offen, vernetzt und lernend.